„Was dich trägt“
„Was hat dich in deinem Leben schon durch schwere Zeiten getragen?“
So lautete die Einstiegsfrage zu einem meiner letzten Meditationsabende.
Die Antworten der Teilnehmer waren sehr berührend.
Oftmals hörte ich: „Es war Gottvertrauen“ –
und vor allem immer wieder: „Freunde und die Familie.“
Was ist es bei dir?
Inspiriert und selbst berührt wurde ich zu diesem Thema durch ein Interview.
Der Rapper und Songwriter Curse (Michael Kurth) erzählte von einer Lebenskrise,
in der er sich befand und durch die er zur Spiritualität gefunden hat.
2024 hat er ein Album herausgebracht mit dem Titel „Unzerstörbarer Sommer“.
Auf die Frage, wie er zu diesem ungewöhnlichen Titel kam, antwortete er:
„Durch ein Zitat aus dem Buch „Heimkehr nach Tipasa“ von Albert Camus.“
Dieses Zitat lautet:
„Mitten im Winter erfuhr ich endlich,
dass in mir ein unvergänglicher, unbesiegbarer Sommer ist.“
(Aus „unbesiegbar“ machte Curse „unzerstörbar“, weil ihm das besser gefiel.)
Wow, dachte ich.
Was für ein Satz und ließ ihn noch einige Male auf mich wirken:
„Mitten im Winter erfuhr ich endlich,
dass in mir ein unvergänglicher, unbesiegbarer Sommer ist.“
Ich weiß nicht, wie es dir geht, wenn du das liest,
aber mich hat dieses Zitat zutiefst berührt.
Im Grunde so einfach – und doch so tief.
Dieser Satz ließ mich nicht mehr los, und ich recherchierte ein wenig zu dem Buch
und über den Autor, aus dessen Werk er stammt.
Albert Camus musste in seinem Leben selbst viele Schicksalsschläge überstehen.
Seine Mutter wuchs als Analphabetin in Algerien in ärmsten Verhältnissen auf
und sein Vater starb, als er noch ein Baby war.
Als Jugendlicher erkrankte er an Lungentuberkulose
und erlitt immer wieder gesundheitliche Rückschläge.
Seine erste Ehe scheiterte und sein kurzes Leben war gepflastert mit Krisen.
„Heimkehr nach Tipasa“ war sein Durchbruch. Später erhielt er sogar den Literatur-Nobelpreis.
Er starb bei einem tragischen Autounfall –
auf dem Weg nach Südfrankreich um ein neues Leben zu beginnen.
Tipasa war schon immer sein Kraftort.
Er vergötterte das Licht, die Wärme, den Sommer.
In Paris vermisste er all das.
„Heimkehr nach Tipasa“ war für Albert Camus in der Tat ein Nachhausekommen zu sich selbst.
Dieses Werk verfasste er im Winter.
Der Sommer, der stets in seinem Herzen war, trug ihn durch sein ganzes Leben.
Camus spricht vom Winter.
Wir alle kennen diese inneren Winter: Zeiten, in denen das Leben eng wird, dunkel, kalt.
Zeiten, in denen wir nicht wissen, wie es weitergeht.
Camus sagt:
In mir ist ein Sommer. Nicht irgendwo draußen. Sondern in mir.
Seine Erkenntnis: Der „unzerstörbare Sommer“ ist ein innerer Zustand.
Es geht um ein Gefühl von Wärme, Hoffnung und Lebendigkeit, das in uns selbst existiert.
Es gibt in jedem Menschen eine Quelle von Wärme, von Kraft, von Licht –
die nicht verschwindet, auch wenn das Leben sich gerade nach Winter anfühlt.
Das heißt, dass schon jetzt etwas in dir steckt, das Heilung verspricht und niemals verschwinden wird.
Wenn du dich also gerade in einer Krise befindest, im tiefsten Winter, in dem es bitterkalt ist
und tausend Probleme dir die Luft zum Atmen nehmen, du Geldsorgen hast oder es deiner Familie nicht gut geht,
dann gibt es da etwas tief in dir drinnen, das dich beschützt: ein unzerstörbarer Sommer.
Wir können den Winter nicht verhindern.
Aber wir können lernen, unseren Sommer zu bewahren.
Der Diamant – ein zweites Bild
Ein weiteres, starkes Bild, das uns an dieselbe innere Quelle erinnert, findet sich im Buddhismus.
Im Buddhismus gibt es das Bild des inneren Diamanten.
Er liegt in jedem Menschen.
Du kannst noch so viel Schmutz, Schmerz oder Zweifel darüber schütten –
der Diamant bleibt unversehrt.
Er erinnert an die Würde des Menschen:
unantastbar, unzerstörbar, wertvoll – einfach, weil du existierst.
Viele Menschen wissen gar nicht, welches Geschenk sie in sich tragen.
Auch ich vergesse es immer wieder.
Um es wieder in Erinnerung zu rufen,
lud ich die Teilnehmer zum Abschluss des Abends ein,
sich mit diesem inneren Ort in sich selbst,
mit ihrem inneren Licht zu verbinden.
Mit dem, was in uns lebt und uns trägt.
Und nun lade ich auch dich ein,
dir einen kurzen Moment Zeit zu nehmen
und dir bewusst zu machen,
dass es auch in dir einen unvergänglichen,
unbesiegbaren Sommer gibt – einen unzerstörbaren Diamanten.
Und wenn du magst, lege eine Hand an dein Herz,
schließe deine Augen und sage dir:
„In mir ist ein Licht.“ – „Was mich trägt, lebt in mir.“
(Bild: Pixaby)




