Warum ich hier bin

Autor: Insa Hinrichs
Warum ich hier bin

Seit der Eröffnung unserer internen Austausch-Plattform, einem für mich sehr wichtigen, aufregenden und schönen Ereignis, setze ich mich mit dieser Frage auseinander, weil sie eines der ersten Posts im neuen Forum war:

„Schließe deine Augen. Und jetzt frage dich: Warum bin ich hier?“

Peter Michael Dieckmann

Man könnte meinen: je nach Kontext eine klare, einfache oder aber auch eine sehr komplexe Frage – eine Frage, die das Potenzial hat, sich mit nichts weniger als dem Grund meines Seins zu beschäftigen. Wie möchte ich mit dieser Frage umgehen? In jedem Fall soll sie in mir wirken. Denn ich möchte mir und anderen Antwort geben können. Ich schließe also meine Augen und atme, sinniere, lasse Bilder entstehen.

Ausrichtung

Bezogen auf unsere neue Plattform fallen mir meine Antworten leicht: Das neue Forum soll Raum für Begnungen schaffen. Es soll inspirierend sein, mit Anregungen von und für alle Meditationslehrer*Innen nach dem Dalmanuta-Prinzip: für diejenigen, die lediglich neugierig auf die Aktivitäten der anderen Lehrer*Innen sind; für diejenigen, die aktuell selbst (wieder) aktiv werden und sich für den Neubeginn Anregungen holen möchten und für diejenigen, die als Meditationslehrer*Innen aktiv sind und entweder Anregungen von anderen in ihre Arbeit mit einfließen lassen oder eigene Anregungen teilen möchten. Die Betonung liegt nicht ohne Grund wiederholt auf: für uns alle. Und ich selbst möchte diesen Austausch kreativ mitgestalten. Die anderen Lehrer*Innen an meinen Aktivitäten als Meditationslehrerin teilhaben lassen. Weil ich dankbar bin für jede Anregung von Lehrer*Innen, die ich selbst schon erhalten habe. Dankbar für jede Lehrerin, jeden Lehrer und jeden Menschen, der oder die mich auf meinem Weg als Meditationslehrerin bis hierher schon begleitet und geprägt hat.

Irritation

Wenn ich mich in der Vergangenheit zu Beginn von Seminaren von Peter-Michael-Dieckmann mit der Sinnfrage beschäftigen durfte, fielen mir hierzu manchmal Empfindungen und Gedanken der folgenden Art ein: „Bis eben noch war ich der Meinung, mich bestens auf das Seminar und die damit verbundene Reise hierher vorbereitet zu haben, mit großer Vorfreude und Neugierde…und jetzt? Habe ich bei allem etwa vergessen, mich damit zu beschäftigen, warum ich eigentlich hier bin? Weiß ich, warum ich hier bin? Darf ich jetzt antworten, dass mich diese Frage zu diesem Zeitpunkt sehr irritiert und ich im Augenblick so richtig keine Antwort darauf habe?“  Ja, auch das darf ich. So ist die Frage wohl auch gemeint. Irritation ist gut, sie ist die Voraussetzung für den Weg in die Tiefe. Weitere unabdingbare Voraussetzungen für den Weg in die Tiefe sind Offenheit, Authentizität und Ehrlichkeit.

Weite und Tiefe

Welche Antworten habe ich, wenn ich die Frage weiter fasse? Was ist der Grund meines Da-Seins? Warum bin ich hier, in diesem Leben? Habe ich einen Auftrag, eine Aufgabe? Welchen Sinn soll mein Leben haben? Unmittelbar damit konfrontiert, bin ich oft ähnlich irritiert wie in der genannten Seminarsituation. Wir alle haben uns die Frage nach dem Sinn unseres Lebens ganz sicher schon oft gestellt. Oft dann, wenn wir auf unserem Lebensweg an einer Weggabelung standen. Ich könnte zu Recht meinen Beruf als Antwort nehmen, in welchem es eine wichtige meiner Aufgaben ist, Menschen zu helfen und sie zu unterstützen. Ganz sicher sind es die mir nahen Menschen, die ich liebe und die ich schätze, für die ich mich einsetzen möchte, die meinem Leben einen wichtigen Sinn geben. Oder es sind die Erlebnisse „am Rande“ des Lebensweges, diese Momente. Im vergangenen Jahr hatte ich viele davon mit mir liebgewonnenen Menschen und auch mit Menschen, die ich neu kennenlernen durfte. Naturerlebnisse. Erlebnisse im Alltag, zum Beispiel mit Dingen, die ich gerne tue. Gefühle. Das ist alles richtig. Ist es in diesem Augenblick auch wahr?

Tatsachen zu Gründen machen

Jeder soll sein Sein sein.

Hans Ulrich Bänziger

Oftmals war die Antwort, die ich finden konnte auf die Frage nach dem Grund meines Seins: im Augenblick fällt mir nichts ein. Das war die Wahrheit. Je intensiver ich nach einer gehaltvollen Antwort suchte, desto stärker wurde die Einfallslosigkeit.

So erging es mir auch, als ich mich nach meiner ersten (virtuellen) Begegnung im neuen Lehrer-Forum ein erneutes Mal mit dieser Frage beschäftigte: „Warum bist du hier?“. Das Eingeständnis dieser nüchternen, sehr unangenehmen Tatsache mir selbst gegenüber, nämlich der, dass ich es in dem Augenblick nicht wusste, ebnete jedoch den Weg zu einem weiteren Eingeständnis: „Immerhin bin ich jetzt hier.“ Und hinzu kam nach einigen Atemzügen der Impuls und das Wissen: „Ich bin getragen und behütet. Ich darf jetzt in mein Vertrauen kommen. Wie froh und dankbar ich bin, dass ich hier bin!“ Und nach einigen weiteren Atemzügen hatte ich sie, die rettende Antwort. Die Aufforderung all der Tatsachen, die ich in meinem Leben vorfinde, ist die:

Sei!

Fülle diese Deine Tatsachen mit Leben! Fühle sie! Liebe sie! Lebe sie! Nutze sie! Pflücke sie!

Das fühlt sich für mich wahr an. In diesem Sinne geht es in jedem Moment meines Lebens um mein Sein.

Ich bin jetzt hier

Und nun kannst du, wenn du magst, die folgende Übung machen (ich habe sie meinerseits von einer lieben Lehrerin, der ich begegnen durfte):
Setze dich aufrecht hin, halte die Augen geschlossen und atme tief ein und aus. Und wenn du dies eine Weile getan hast, vielleicht mit jedem Ein- und Ausatmen in verschiedene Bereiche deines Körpers hineingespürt hast, dann sage dir mit jedem Einatmen die folgenden Worte:

„Ich bin“

Und mit jedem Ausatmen:

„jetzt hier“.

Wenn ich zum Abschluss meiner Reflexionen diese Atemübung einige Male wiederholt haben werde, werde ich die Augen öffnen. Eines ist dann sicher: Ich werde mit verändertem Blick auf mein Leben schauen.

Und ich öffne die Augen und sehe dich an.

Schön, dass du hier bist!

 

Quellen:

Dieckmann, Peter Michael: Das Dalmanuta-Prinzip. Tor zum Himmel. Tor zum Herzen. Tor zur Welt.
Duisburg, BRD 2014. <http://www.dalmanuta-prinzip.de/> (09.01.2021).

Thomas Schefter (Hrsg.): Aphorismen. Sein@Hans Ulrich Bänziger.
Forst, BRD 1997. <https://www.aphorismen.de/suche?text=Sein> (09.01.2021).

Bildquelle:

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