Wenn ich dich fragen würde, ob du Vorurteile hast, würdest du höchstwahrscheinlich „nein“ sagen, oder? Aber bist du wirklich immer unvoreingenommen?
Jetzt bin ich einfach mal ehrlich. Eigentlich möchte ich es nicht machen. Und ich will auch nicht, dass irgendjemand es mit mir tut. Dennoch ertappe ich mich doch immer mal wieder dabei, dass ich andere aufgrund ihres Aussehens, ihrer Art sich zu kleiden, ihrer Art zu sprechen oder aufgrund ihres Verhaltens beurteile und sie in Schubladen stecke.
An einem Wochenende war ich unterwegs und habe einen Stopp auf einer Autobahnraststätte gemacht. Es war sehr voll dort, viele hatten wie ich die Idee, eine Pause zu machen. So auch 4 Hansa Rostock Fans, hinter deren Fahrzeug ich einparken musste, während sie gleichzeitig an ihrem Kofferraum standen um zu essen.
Sie sahen aus wie die 1000 Fans, die ich vor ein paar Jahren bei einem Fußballspiel gesehen hatte. Hundert von ihnen wurden seinerzeit als gewaltbereit eingestuft. Man sollte sie auch nicht unterschätzen und nicht unbedingt in ihre Nähe kommen. Es wurde schon Tage vorher vor diesen Fans gewarnt. Das Polizeiaufgebot war gewaltig.
Nun stehen 4 Männer mittleren Alters vor meinem Auto, tätowiert von den Händen bis zum Kopf, die genauso aussahen wie die Fans vor ein paar Jahren und ich hatte wirklich keine guten Gedanken über sie.Als ich mein Brot auspackte, um zu essen, klopfte es an meinem Fenster und einer der 4 Männer fragte mich „Möchten Sie eine Gewürzgurke haben, eine echte Spreewaldgurke?“.
Ich war sehr überrascht und einer seiner Kumpels war es allerdings auch. Denn auch er schien sehr erstaunt darüber gewesen zu sein, was da gerade geschieht. Die Gurke habe ich sehr gerne angenommen und gegessen. „Ich wünsche Ihnen noch ein schönes Wochenende“ verabschiedet er sich von mir. In diesem Moment habe ich mich wirklich geschämt. Ich habe Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen habe als gewaltbereite Hooligans eingestuft, einzig und allein aus der Tatsache heraus, dass sie unübersehbar Hansa Rostock Fans und tätowiert waren. Da hat man mir ganz schön den Spiegel vorgehalten.
Egal wie jemand aussieht, gekleidet ist, wie er sich verhält und wie jemand spricht, lässt nicht automatisch darauf schließen, was für ein Mensch dieser Jemand ist, was für einen Charakter er hat und wie er sein Leben meistert. Solange ich seine Geschichte nicht kenne, kann ich mir kein Urteil über ihn erlauben.
„Urteile nie über einen Menschen, bevor du nicht einen Mond lang in seinen Schuhen gelaufen bist.“ (Indianische Weisheit).
In einem Buch habe ich von einer Begebenheit gelesen, die auch noch einmal deutlich zeigt, wie schnell man die falschen Rückschlüsse über andere Menschen ziehen kann und sie schlimmstenfalls für ihr Verhalten verurteilt.
Ein Vater sitzt mit seinen beiden Kindern in einem Zugabteil. Die Kinder sind extrem laut und toben wie wild im Wagon herum. Die anderen Fahrgäste sind teilweise sehr genervt von den Kindern. Ein Fahrgast sagt zu dem Vater, dass die Kinder nicht gut erzogen seien und doch ruhiger sein sollten. Darauf erwidert der Vater: „Das ist die Art meiner Kinder, den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten, denn die haben wir heute beerdigt.“
Wenn wir Menschen in Schubladen stecken, geschieht das schon wenige Sekunden, nachdem wir sie sehen, und meist haben wir noch kein Wort miteinander gewechselt. Das geschieht ganz automatisch und völlig unbewusst und hängt von unseren eigenen Erfahrungen ab, die wir mit Menschen gemacht haben. Die sind in unserem System abgespeichert.
Es werden Urteile gefällt und man meint, genau zu wissen, wen man da vor sich hat. Erst wenn man sich wirklich mit diesem Menschen auseinandersetzt, ins Gespräch kommt und seine Geschichte erfährt, bekommt man eine kleine Ahnung davon, wer er ist.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn man einen Stempel aufgedrückt bekommt. Ich fühlte mich nicht gesehen und ungerecht behandelt.
Jeder hat seinen eigenen Ausdruck und seine eigene Art, sich zu präsentieren, seine Art, wie er wahrgenommen werden möchte. Es gibt Menschen, die sind wie sie sind, sie sind einfach authentisch. Die interessiert es in nicht im Geringsten, was andere über sie denken und ob sie in Schubladen gesteckt werden. Und dann gibt es diejenigen, die sich lieber verstecken. Sie verstecken sich hinter anderen in Gruppen, um als Individuum nicht gesehen zu werden, weil sie Angst vor Bewertung haben. Andere setzen „Masken“ auf, um sich vor Verurteilung zu schützen, zeigen sich anders, als sie in Wirklichkeit sind.
Die größte Angst der Menschen ist nicht die Angst vor dem Tod, sondern die Angst vor Verurteilung
Ich kann nicht beeinflussen, wie eine Person über mich denkt und in welche Schublade sie mich steckt. Ich kann aber, wenn ich mich selbst wieder einmal dabei ertappe, dass ich anderen einen Stempel aufdrücke, innehalten und innerlich STOPP sagen, um mir dann einmal die Frage zu stellen, was das eventuell mit mir zu tun hat. Die Art, wie ich über andere Menschen denke und urteile ist so, als wenn man mir einen Spiegel vorhält.
Das „Spiegelgesetz“ besagt, dass alle Gefühle, die wir anderen Menschen gegenüber empfinden, von uns selbst hervorgehen.
Wenn ich Menschen begegne und anfange, sie zu beobachten, sie zu analysieren, sehe ich eigentlich jedes Mal mich in all meinen Facetten.
„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.“ (Immanuel Kant)





