Die stille Genießerin

Autor: Saskia Meyer van der Laan
Die stille Genießerin

 

Am ersten Tag meiner Ausbildung bei Peter setzte ich mich auf den schönen Platz vor der Gruppe und erzählte über das Thema Selbstliebe. Das Wort ‘Liebe’ ist über mein Gefühl zu mir gekommen und das Wort ‘Selbst’ kam über die Karte zu mir. Am Ende meines kleinen Vortrages war ich überfordert von all den ganzen Gefühlen und mein Ego-Ich war vor allem begeistert. Ich wurde Rampensau genannt und ich fühlte mich geschmeichelt. Aber meine Gefühlswelt war völlig durcheinander.

 

Wer bin ich und wo ist mein Platz?

Damals wusste ich noch nicht, wie lange der Weg ist, um herauszufinden, wer ich wirklich bin. Drei bis vier Jahre später, kann ich nun sagen, dass meine Seele damals ganz schön rebelliert hat. Damals wusste ich, dass die Rampensau-Nummer und alle andere Rollen, die ich hervorragend spielte, nicht wirklich das waren, was mir guttat oder mir zeigten, wer ich in Wahrheit bin. Um es mal ganz deutlich auszudrücken: Ich habe die letzten Jahre ein großes Bühnenstück aufgeführt und alle Rollen selbst besetzt. Das war eine ganz schön anstrengende Arbeit. Und die Bestbesetzung sollte mit der Zeit hervorgebracht werden.

Ich hatte die tollsten Ideen. Ich wollte Speakerin werden und habe sogar einer derzeit sehr bekannten Speakerin gesagt, dass wir uns auf der Bühne sehen werden. Auch wollte ich mit einer Gruppe Waldbaden gehen oder Menschen helfen, ihre Angst vor Hunden zu verlieren. Und auch als ich Meditationsabende gab, war die Nachfrage für mich nicht zufriedenstellend. Während der Ausbildung und der Zeit danach habe ich ein ganz schön emotionales Auf-und-Ab erlebt. Ich habe mich immer wieder gefragt: “Wie mache ich es richtig?”. Ich wusste damals nicht, wer ich bin und weiß es auch heute nicht genau. Kein Selbstbewusstsein, kein Selbstwert und keine Identität.

 

Ins TUN kommen

Mit den Jahren habe ich sehr gut gelernt, viele Menschen zu kopieren. Ich habe Verhaltensweisen, Körperhaltung, Stimmlaute und sogar Dialekte genau beobachtet und kopiert. Und das nur, damit ich eine Persönlichkeit habe. Damit ich sagen konnte, wer ich bin und deswegen auch geliebt werden konnte. Und wenn mir jemand gesagt hat, wer oder wie ich sein solle, dann habe ich darauf hingearbeitet, um geliebt zu werden. Dazu kommt, dass ich immer das Gefühl hatte, dass ich ins TUN kommen muss. Den Satz von Peter “Du musst ins Tun kommen!” habe ich völlig falsch aufgefasst. In mir arbeitete sinngemäß der folgende Gedanke: “Ich muss was tun – irgendetwas tun – damit wir unsere Dalmanuta-Botschaft weitergeben. Wenn ich das tue, wird es mir besser gehen. Menschen werden mich sehen, hören und dann auch lieben. Dann wird alles gut!”.

 

Auf der Suche nach Anerkennung

Ich gebe zu, auch heute arbeitet dieser Gedanke noch in mir. Ich habe mir diesen Satz von Peter immer wieder gesagt und dabei gefühlt: “Du musst abliefern!”. Damit habe ich mich enorm unter Druck gesetzt, um meine Fußspur in dieser Welt zu hinterlassen, so wie es auch viele andere Menschen tun.

Doch wenn man mit ganzem Herzen dabei ist, dann steigt das Gefühl der Verzweiflung auf, wenn es dann nicht den gewünschten Erfolg hat. Und wenn ich ehrlich bin, war ich vor allem auch auf der Suche nach Anerkennung. Und das bin ich manchmal, wie so viele andere Menschen, auch heute noch. Sogar jetzt frage ich mich, ob ich diese Erkenntnis nur genau deshalb schreibe und teile. Ich traue dem Braten noch nicht! Doch ich sehe das mal als Selbsttest und als Möglichkeit, daran zu wachsen und mich dabei einfach mal aufrichtig seelisch nackt zu zeigen.

Ich will nicht im Rampenlicht stehen müssen. Ich will nicht laut sein müssen. Ich will mich nicht mit anderen Menschen auseinandersetzen müssen. Ich will nicht mal viel reden müssen und dennoch tue ich das alles, um mein Riesenego zu streicheln. Nichts von dem, was ich da tue, ist so aufrichtig, dass es aus dem Herzen kommt. Mir selbst kann ich das gern einreden, aber in Wahrheit mache ich das alles nur, um Anerkennung zu erhalten. Um gesehen, akzeptiert und natürlich geliebt zu werden. Was also, wenn ich einfach mal nicht den Pausenclown spiele, verletzend oder ironisch bin und einfach mal die Klappe halte?

 

Der Spitzname aus der Schulzeit

Dieser Gedanke erinnerte mich an eine Geschichte aus meiner Schulzeit. Die Geschichte von einem Spitznamen, den ich als kleines Mädchen mal bekam. Während und nach einer Klassenfahrt sollten wir unsere Erinnerung an diese Klassenfahrt in Worten oder Bildern festhalten. Anschließend wurden alle Bilder und Texte zu einer Art Buch zusammengebunden. Ein Klassenkamerad hat uns dann noch jedem einen Spitznamen gegeben, der uns seiner Ansicht nach gut beschrieben hat. Für mich hat er damals ausgesucht: “Die stille Genießerin”.

Ich weiß noch, dass ich den Namen damals sehr uncool fand und war ein wenig enttäuscht. Die anderen hatten viel schönere und vor allem coolere Namen. Heute aber muss ich sagen, dass er mich wohl sehr gut beschrieben hat. Denn damals war ich lieber still, denn ich war oft lieber in meiner Traumwelt. Schaute oft während der Lernstunden nach draußen, war oft abgelenkt und genoss es damals wie auch heute noch. Ich akzeptiere, dass ich immer noch das kleine Mädchen bin. Das kleine Mädchen, das manchmal in ihrer Traumwelt lebt und einfach ihre Ruhe haben möchte. Das kleine Mädchen, das malt, bastelt, spielt und noch immer ihre Kuscheltiere heiß und innig liebt.

 

Wie passt das mit Dalmanuta zusammen?

Wie passt das mit Dalmanuta zusammen und wie bringe ich andere Menschen damit weiter? Die Antwort ist einfach. Ich kann einfach ich sein und muss nichts tun, was ich nicht möchte. Wenn ich einfach authentisch ich bin, dann umarme ich Menschen, verschenke selbst gemachte Dinge, besuche ältere Menschen mit meinem Hund und schenke damit Freude. Denn ich tue es mit dem Herzen! Ich lächle fremde Menschen an oder mache ihnen ein Kompliment.

Natürlich frage ich mich, ob ich es mir da nicht etwas zu leicht mache. Nun habe ich schließlich so viel gelernt. Aber ich spüre, dass ich alles gebraucht habe, um dort zu stehen, wo ich jetzt bin. Um die zu sein, die ich jetzt bin. Denn es ist nun mehr aufrichtige Selbstliebe und Selbstakzeptanz da. Und da die Reise nie zu Ende ist, kann noch alles kommen. Die kleine Saskia darf sich jetzt mal austoben und einfach von der großen Saskia geliebt werden, auch wenn sie im Prinzip nur im Stillen das tut, was sie gern möchte.

Setz’ dich nicht unter Druck, wenn es dir nicht guttut, etwas zu tun, nur weil dein Ego es dir sagt.
Lass dein inneres Kind zu und erlaube ihm, deinem Ego einfach mal volles Pfund die Zunge raus zu strecken. Vor dem Spiegel macht das richtig Spaß.

 

Bildnachweis: kind-mädchen-spielen-baby-kindheit-6565461Jupilu (pixabay CC-0)

Saskia Meyer van der Laan

Saskia Meyer van der Laan

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