Fürchte dich und finde Frieden!

Autor: Nicole Pendzich

Lange hatte ich mit Angst nichts am Hut. Ich bin von Haus aus (im wahrsten Sinne des Wortes) jemand, der energisch bis wütend wird und Vollgas gibt, wenn es mal eng wird. Da hat die Angst nichts zu suchen. Mein Selbstrettungsmuster sorgte immer dafür, dass ich notfalls lieber mit Volldampf durch die Wand ging, als Angst oder gar Furcht spüren zu müssen. Das hatte gute Gründe:

Mein Überlebenskampf startete mit 14 Jahren. Seitdem konnte ich mir keine Angst mehr leisten, denn ich musste nach den schweren Brüchen in meiner Familie erst emotional und dann später auch materiell eigenständig überleben. Kein Halt, kein richtiges Heim mehr. Mit Ängstlichkeit geht man da unter. Also: Wut an und Angst aus.

 

Überlebensmodus

Diese Strategie hat auch recht lange funktioniert. Ich habe funktioniert, überlebt und mich recht erfolgreich durchs Leben gekämpft. Das war jedoch auch sehr anstrengend und alles Emotionale, gerade in Beziehungen, war dadurch gezeichnet. Keine Angst, aber auch keine Liebe. Denn emotional verschlossen gilt ja für alle Gefühle. Ich wollte vor allem frei und stark sein. Heute weiß ich: Ich wollte frei von der Dunkelheit meiner Jugend sein. Frei vom furchtbaren Verlustschmerz und der damit verbundenen, existenziellen Verlustangst. Diese Angst, einfach alles wieder verlieren zu können, jederzeit. So wie damals.

 

„Dosenöffner“

Und wie so oft, haben erst die Arschengel und diverse Krisen ihre Arbeit an mir verrichten müssen, bevor sich etwas in Richtung Heilung verändern konnte:

Jede private Trennung war eine Katastrophe: Von der starken, angstfreien Selfmade-Frau mutierte ich jedes Mal zu einem seelischen Wrack, auch wenn ich die Beziehung beendete. Plötzlich war sie dann wieder da, die bodenlose Verlustangst, die Angst, nicht genug, nicht wert zu sein und versagt zu haben. Auch beruflich, als selbstständig arbeitende Musikproduzentin, wurde ich mehr als einmal mit starken Existenzängsten konfrontiert. Die ließen sich nicht wegarbeiten. Denn Auftrags- und Finanzlagen lassen sich nun mal nicht beliebig kontrollieren. Meine Überlebensstrategie „allein verantwortlich und stark“, ohne Rückhalt und Absicherung, tat ihr Übriges.

Der Endgegner war dann das langsame Krebssterben und der Verlust meines Vaters vor 7 Jahren: panische Verlustangst und Ohnmacht pur, über Jahre hinweg. Da half auch keine Wut mehr.

 

Change

Ihr kennt es vielleicht: Die tiefgreifende Veränderung kommt meist erst dann, wenn man einfach nicht mehr kann. Wenn man nicht mehr festhalten kann, nicht mehr dagegen ankämpfen kann, es nicht mehr aushalten und (weg)kompensieren kann. Irgendwann habe ich verstanden: Ich muss mich mit meiner Angst zusammensetzen, sie annehmen, wahrnehmen, verstehen. Sonst vernichte ich mich damit. Denn sie ist da, ob ich will oder nicht. Sie ist ein alter Teil von mir, ja sogar Teil unserer Familiengeschichte. Teil der entwurzelten Menschen, die auch meine Eltern und Großeltern waren. Die Angst ist nicht gut, sie ist nicht schlecht, sie ist einfach da, weil es Gründe dafür gibt.

Eckhart Tolle (Buch JETZT) sagt: „In dem Moment, wo alles in der Gegenwart ohne Bewertung da sein darf, wo du akzeptierst, was gerade da ist, entsteht Frieden in dir.“

 

Das Paradox

Das heißt nicht, dass ich alles gut finden muss oder es immer so bleiben muss, sondern ohne den Kampf „gegen“ entsteht erstmal die Ruhe im Sturm. Abwehr verstärkt, Akzeptanz befriedet schwierige Gefühle und Situationen. Und aus der Ruhe der Akzeptanz heraus, im Frieden mit dem Schwierigen, löst oder verändert sich etwas heilsam. Dies ist ein spirituelles Paradox: Annehmen verändert das Angenommene. Widerstand hält es (im alten Zustand) aufrecht. Angst und Frieden sind keine sich ausschließenden Widersacher. Wenn alles da sein darf, endet jeder Kampf und ein heilsames Leben kann beginnen.

 

Übung: Begegnung mit deiner Angst

1. Nimm deine Angst wahr und gib ihr zeitlich begrenzt Raum.

2. Benenne deine Angst.

3. Kommuniziere mit deiner Angst. Frage sie nach ihrem wahren Motiv?

4. Bedanke dich bei deiner Angst in ihrer Funktion als deine alte Wächterin/Retterin der Vergangenheit – wie ein altgedienter Soldat, den man nun liebevoll in Rente schickt.

5. Nun kannst du die Angst mit Dank und Verständnis würdigen und gehen lassen.

 

Fotoquelle: Nicole Pendzich

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