„Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“
Dieser Satz begleitet mich schon eine Weile, seit er mir im Rahmen meines letzten Jobs als Leiterin des Wildtierheimes in der Evangelischen Jugendarbeit begegnet ist. Auch wir hatten in der Kirchengemeinde einen alten Apfelgarten. Ich finde, er drückt das Thema Zuversicht wundervoll aus. Die tiefe Bedeutung dieses Satzes erschloss sich mir aber erst innerhalb der letzten Jahre seit meinem Ausscheiden aus dem Wildtierheim der Kirchengemeinde.
Was Zuversicht für mich bedeutet
Für mich ist Zuversicht keine Gewissheit darüber, dass alles gut ausgehen wird. Sie ist das Vertrauen, dass in jedem Augenblick das da sein wird, was ich gerade brauche.
Dieses Vertrauen durfte in meinem Leben wachsen, durch einen intensiven inneren, sehr schmerzlichen Prozess. Nicht, weil ich gelernt hätte, alles besser zu planen, sondern weil ich immer wieder erfahren habe, dass sich das Leben oft gerade dann entfaltet, wenn ich die Kontrolle ein Stück weit loslasse. Für mich eine riesige Herausforderung, immer noch.
Wenn Vertrauen unterwegs entsteht
Ich gehöre zu den Menschen, deren Gedanken ständig unterwegs sind. Sobald ein einziges Wort auftaucht, entstehen in meinem Kopf unzählige Bilder, Verbindungen und Ideen, sehe die Möglichkeiten, die Wege. Wenn ich sie jedoch später festhalten möchte, scheint manchmal alles verschwunden zu sein. Deshalb spreche ich meine Gedanken oft spontan als Sprachnachricht auf. Während ich spreche, entsteht etwas Neues. Es ist, als würde der nächste Gedanke immer genau im richtigen Moment auftauchen.
Diese Erfahrung hat mich gelehrt, meiner eigenen Kreativität, meinem Herzwissen, mehr zu vertrauen. Ich muss nicht alles vorher wissen, nichts kontrollieren. Vieles zeigt sich erst unterwegs. Genau darin liegt für mich die Zuversicht.
Der Zusammenbruch und der Verlust von Kontrolle
Dieser Prozess offenbarte sich mir sehr deutlich, als ich versuchte, mein Leben nach dem Ausscheiden aus meinem Job wieder „unter Kontrolle“ zu bringen. Je mehr ich Pläne ausarbeitete und mich unter Druck setzte, diese auch einzuhalten, um die notwendigen Veränderungen in mein Leben zu bringen, die meiner Meinung nach nötig waren, um mich „voran“ zu bringen, umso mehr stieg mein innerer Druck. Die innere Panik, wieder völlig zu versagen. Und das in einer Phase der ohnehin schon absoluten Erschöpfung meines Körpers. Dass dieser mir zeigte, „Lass los, du kannst nicht mehr“, wollte ich einfach nicht wahrhaben. Ich kann nicht mehr? Meinte ich doch, alle notwendigen Tools zu wissen, um wieder auf die Beine zu kommen. Von Wegen. Am Ende dieses Kampfes mit mir selber stand die absolute Erschöpfung. Burnout mit Depression, das ganze Paket. Ich doch nicht … Resignation statt Zuversicht.
Wer bin ich, wenn alles Vertraute wegfällt?
Mit dem Burnout verlor ich nicht nur Kraft. Ich verlor auch einen Teil meiner Identität, so fühlte es sich jedenfalls an. Zur gleichen Zeit gingen meine Töchter ihren eigenen Weg, zwei unserer Haustiere und mein Vater waren verstorben. Plötzlich fielen mehrere Rollen weg, über die ich mich viele Jahre definiert hatte.
Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht mehr die Wildtierheimfrau bin, die Mutter,
Familienmanagerin?
Wenn ich nicht gebraucht werde?
Wenn ich nichts leisten kann?
Diese Fragen taten weh.
Und sie brauchten Zeit.
Fast zwei Jahre dauerte es, bis ich langsam wieder bei mir selbst ankam.
Ich musste lernen, Gefühle nicht nur zu verstehen, sondern sie wirklich zuzulassen. Mein Herz mitzunehmen, ihm zuzuhören, mich zu halten mit, all der Trauer.
Dem Schmerz.
Der Angst.
… und irgendwann, ganz leise, kaum zu bemerken, auch wieder der Freude.
Heute weiß ich: Gefühle kommen und gehen.
Sie gehören zu mir.
Aber sie bestimmen nicht, wer ich bin.
Was die Bäume mich gelehrt haben
Der Wald hat mich den gesamten Prozess begleitet.
Früher ging ich im Wald am liebsten in Begleitung mit unserem Collie oder Pony spazieren. Mir zu erlauben, alleine zu gehen, dauerte eine Weile. Irgendwann blieb ich einfach sitzen, meist an einem Baum gelehnt, wurde still und fing an zu beobachten. Anfangs fiel mir das nicht leicht, denn eigentlich bin ich ständig in Bewegung – äußerlich oder innerlich. Doch wenn ich sitzenbleibe, bewusst atme und meinen Körper wahrnehme, verändert sich etwas.
Ein Baum muss nichts darstellen. Er ist einfach da.
Er fragt sich nicht, ob er richtig gewachsen ist. Er richtet sich dem Licht entgegen und wächst so, wie es für ihn möglich ist. In seinem Samen war bereits alles angelegt, was er zum Leben braucht. Im Winter zieht er seine Kraft nach innen zurück. Im Frühjahr beginnt er erneut auszutreiben. Er hält seine Blüten nicht fest, wenn ihre Zeit vorbei ist, und auch seine Früchte lässt er irgendwann los.
Bäume mit all Ihrer Vielfalt, Schönheit und Kraft haben mich schon lange fasziniert. Der Baum erinnert mich daran, dass Leben aus Vertrauen besteht.
Vielleicht dürfen auch wir darauf vertrauen, dass vieles bereits in uns angelegt ist. Dass wir nicht alles erzwingen müssen. Dass jede Jahreszeit ihren Sinn hat – Zeiten des Wachsens ebenso wie Zeiten des Loslassens.
Den nächsten Schritt wagen
Zuversicht bedeutet für mich deshalb nicht, alles unter Kontrolle zu haben. Im Gegenteil.
Sie beginnt dort, wo ich akzeptiere, dass ich die Zukunft nicht festhalten kann. Ich weiß nicht, was morgen sein wird. Ich weiß nicht, welche Herausforderungen auf mich warten. Aber ich kann entscheiden, wie ich diesem Augenblick begegne.
Geerdet. Wach. Mit offenem Herzen.
Gerade in einer Welt, die oft von Unsicherheit geprägt ist, wird dieses Vertrauen kostbar. Es schenkt Gelassenheit, ohne die Wirklichkeit zu verleugnen. Es hilft, klar zu bleiben, statt sich von Sorgen treiben zu lassen. Und häufig entstehen genau dann Lösungen, wenn wir aufhören, sie krampfhaft suchen zu wollen.
„Nimm dein Herz und geh los.“, dieser Satz, der mir auf einem Buch begegnete, begleitet mich bis heute. Er erinnert mich daran, dass Vertrauen nicht bedeutet, keine Angst zu haben. Vertrauen heißt, trotz der Angst den nächsten Schritt zu gehen. Nicht, weil ich weiß, wohin der Weg führt, sondern weil ich darauf vertraue, dass sich der Weg im Gehen zeigt.
Heute den Samen pflanzen
Vielleicht ist das die eigentliche Zuversicht im Herzen.
Heute den Samen zu pflanzen, obwohl wir nicht wissen, was morgen sein wird.
Heute zu atmen.
Heute da zu sein.
Und heute das Leben zu bejahen – mit allem, was es uns schenkt und allem, was es von uns fordert.
Bildquelle: Baum im Abendhimmel_copyright_Wiebke Bahruth_2026




