Wenn das Labyrinth dir ein Geschenk macht
……kommt es meist anders, als du denkst.
Ich hatte mir ein paar Tage eine Auszeit genommen. Ohne großes Ziel, nur mit dem Wunsch, zur Ruhe zu kommen und mich einem inneren Thema zu widmen, das noch keinen klaren Namen hatte. Ein paar Tage nur mit mir, um wieder bei mir selbst anzukommen.
Ein Ort, der nach innen führt
Also fuhr ich los, dorthin, wo ich schon oft gewesen war und meine Seminare gegeben habe: in einem Kloster in der Eifel. Ein besonderer Ort. Nicht nur wegen seiner Atmosphäre, sondern auch weil es in seinem Garten ein Labyrinth aus einer lebendigen, grünen Hecke gibt.
Labyrinthe haben mich schon immer fasziniert und angezogen. Sie werden oft an besonderen Kraftorten gebaut. Ein Labyrinth ist kein Irrgarten, es führt nicht in die Irre – sondern nach innen.
Anders als ein Irrgarten, in dem man sich verirren kann, hat ein Labyrinth nur einen Weg.
Er führt dich zur Mitte und dann wieder hinaus. Dieser Weg ist nicht gerade. Er verläuft in Bögen und Kehrtwenden. Mal wähnst du dich ganz nah an der Mitte, mal wieder weiter entfernt.
Der Weg durch das Labyrinth – ein Spiegel unseres Lebens
Für mich ist das ein starkes Bild für unseren Lebensweg.
Wie oft verlieren wir uns, um uns dann wiederzufinden.
Wie oft entfernen wir uns von uns selbst, um genau dadurch tiefer zu uns zurückzukehren. Die Mitte, die Ankunft, ist gewiss – wenn ich meinen Weg immer weiter gehe und nicht stehen bleibe.
Und dann geht der Weg wieder hinaus.
Nicht als bloßer Rückweg, sondern als Aufbruch, als Anfang von etwas Neuem.
Du nimmst mit, was dir auf dem Weg zur Mitte begegnet ist, und trägst es hinaus in dein Leben.
Man sagt, wenn dich etwas bewegt – eine Frage, ein Suchen nach Antworten – dann geh damit ins Labyrinth. Vielleicht schenkt es dir eine Botschaft.
Die Frage meiner Freundin
Auf der Fahrt zum Kloster erinnerte ich mich plötzlich an eine Szene mit meiner Freundin. Sie interessiert sich eigentlich nicht besonders für meine Arbeit als Meditationslehrerin, aber hin und wieder fragt sie doch nach meinen Projekten. Und in einem dieser Gespräche hatte sie mich gefragt:
„Sag mal, was suchst du eigentlich!“
Damals hatte ich gelächelt und gesagt: „Ich suche gar nichts.“ Und vielleicht stimmte das auch – damals.
Aber jetzt, auf der Autobahn, irgendwo zwischen Alltag und Ankommen, war ich mir plötzlich nicht mehr so sicher. Vielleicht bin ich ja doch auf der Suche. Aber wonach eigentlich?
Ich ließ diese Frage einfach wirken. Eine Nacht lang. Ich vertraute darauf, dass das Thema, mit dem ich ins Labyrinth gehen wollte, schon zu mir finden würde.
Und so war es auch. Am nächsten Morgen, kurz nach dem Aufwachen, war sie da:
Eine Frage – klar, einfach, stimmig:
„Was, Stefanie, willst du unbedingt bis zum Ende deines Lebens gefunden haben?“
Ein Schritt – und eine Antwort
Noch vor dem Frühstück ging ich mit dieser Frage im Herzen zum Labyrinth.
Ich hielt vor dem Eintreten noch einen Moment inne, atmete tief durch, versuchte, den Kopf leerzumachen – und trat ein.
Und schon nach der ersten Kehrtwende kam sie: eine klare, innere Antwort:
„NICHTS.“
Wie – Nichts?, empörte sich mein Verstand. Und insgeheim hatte ich doch etwas anderes erwartet. Vielleicht so etwas wie Frieden, Liebe, Freiheit, Weisheit oder gar Gott.
Worte, die in mir aufstiegen, noch bevor ich den ersten Schritt getan hatte. Doch sie klangen mehr wie Vorschläge als wie Wahrheit. Aber „Nichts“? Irgendwie musste ich darüber auch lächeln.
Langsam begann ich zu ahnen, was dieses „Nichts“ wohl wirklich bedeuten sollte.
Dieses „Nichts“, das mir da begegnete, war nicht leer im Sinne von Abwesenheit. Es war wie ein Raum in dem alles Platz hat. Alle Möglichkeiten, alle Gefühle.
Weite, keine Begrenzung.
Im Buddhismus nennt man das „Leerheit“.
In einem Buch über Buddhismus las ich diesen Satz:
„Dieses NICHTS oder leerer Raum, der alles enthält, ist kein absolutes Nichts im Sinne von „gar nichts“ sondern ein formloses, unendliches Potenzial, aus dem alles hervorgeht und in das alles zurückkehrt.“
Jetzt verstand ich ihn nicht nur mit dem Kopf, sondern er berührte mich innerlich.
Und mit diesem Gefühl ging ich weiter, Schritt für Schritt, bis ich schließlich in der Mitte des Labyrinths ankam. Dies war, wie immer, ein besonderer Moment.
Alles ist schon da
Ich schloss meine Augen.
Und da kam wieder etwas – eine Frage, die zugleich eine Antwort war:
„Was wäre, Stefanie, wenn all das, wonach du suchst, jetzt in diesem Moment da wäre?“
Ich spürte Gänsehaut.
Und ja, genau so fühlte es sich an.
Keine Suche mehr.
Keine Suche nach Frieden
Keine Suche nach Liebe
Keine Suche nach Freiheit usw.
Alles war da – in diesem Moment.
Das spüren zu können – war das Geschenk für mich.
Der Weg hinaus – und weiter
Als ich mich schließlich wieder auf den Weg aus dem Labyrinth hinaus machte, hatte ich das Gefühl, dass etwas in mir neu geordnet war.
Es war als würde ich etwas mit hinausnehmen. Etwas Kostbares, das ich nicht für mich behalten wollte.
Diese Erfahrung – dieses tiefe Erleben, dass alles schon da ist,
dass wir aufhören dürfen, zu suchen.
Da erinnerte mich an einen Satz, den der Meister der Liebe einst gesagt haben soll:
„Das Himmelreich ist bereits IN DIR“
Eine Einladung an dich
Vielleicht magst du dir jetzt einen Moment Zeit nehmen.
Schließe für einen Augenblick die Augen.
Lass die Frage in dir aufsteigen – ganz offen, ganz ehrlich:
Was möchte ich bis zum Ende meines Lebens unbedingt gefunden haben?
Spür hinein, höre hin.
Nicht um gleich eine Antwort zu finden – sondern um dir selbst zu begegnen.
Du brauchst dafür kein Labyrinth. Nur diesen Moment.
Und dann frage dich:
„Was wäre, wenn in diesem Moment all das da wäre, wonach ich suche?“
Und vielleicht kannst du es spüren, dass
alles, wonach du suchst, jetzt – in diesem Moment – bereits in dir da ist.
Manchmal ist es gar nicht das Suchen, das uns weiterbringt,
sondern das Erinnern an das, was längst in uns wohnt.
Bildquelle: Stefanie Schremmer




