Vom Stören und Vermissen

Autor: Bianca Von berg

Kennst du das?

Da gibt es über Wochen, Monate oder sogar Jahre ein Geräusch, das dir regelmäßig auf die Nerven geht.
Diese eine laute Lache.
Das Schlurfen der Schuhe, weil jemand beim Gehen die Füße nicht richtig anhebt.
Eine Eigenart, die dich jedes Mal innerlich die Augen verdrehen lässt.
Oder das Schmatzen am Esstisch, bei dem sich dir die Nackenhaare aufstellen.
Vielleicht fluchst du still in dich hinein oder sprichst du die Person sogar darauf an.
Vielleicht denkst du: „Mensch, hör doch endlich damit auf.“
Und dann kommt ein Tag, an dem genau dieses Geräusch nicht mehr da ist.
Die Schuhe schlurfen nicht mehr.
Die Lache verstummt.
Diese kleine Macke, über die du dich so oft geärgert hast, begegnet dir nie wieder.

Es überrollte mich plötzlich enorm

Neulich saßen wir in einer Teambesprechung zusammen. Der Anlass war eigentlich eine Dienstbesprechung aber es war zugleich ein Jahrestag, der uns alle an eine emotionale Zeit erinnerte. So kamen wir über diesen Tag und das Geschehen vor nun zwei Jahren ins Gespräch und fast jeder in der Runde hatte in den vergangenen Monaten oder Jahren einen schweren Verlust erlebt. Einer nach dem anderen erzählte von dem, was ihm heute fehlt.
Dann war ich an der Reihe.
Eigentlich wollte ich nur einen ganz sachlichen Gedanken aussprechen. Doch als ich zu reden begann, merkte ich, wie mich meine eigenen Worte einholten.

Manches wird erst intensiv und klar, wenn Du es aussprichst.

Diese unzähligen WhatsApp-Nachrichten.
Belanglose Nachrichten.
Ein kurzer Satz.
Eine Kleinigkeit.
Ein Emoji.
Manchmal etwas, bei dem ich innerlich dachte:
„Ach, meld dich doch einfach wieder, wenn du *wirklich* etwas zu erzählen hast.“

Natürlich wusste ich immer, dass diese Nachrichten ihr Versuch waren, mit mir in Verbindung zu bleiben. Mehr war ihr oft gar nicht möglich. Und trotzdem war ich manchmal genervt.
Während ich das in der Runde aussprach, traf mich die Erkenntnis mit voller Wucht.
Diese Nachrichten werden nie wieder kommen.
Nicht, weil sie gestorben ist. Sie lebt.
Aber ihr Unfall hat ihr die Möglichkeit genommen, selbst Kontakt aufzunehmen. Sie kann mir aus eigener Kraft keine dieser scheinbar unwichtigen Nachrichten mehr schicken.
Und genau in diesem Moment wurde mir etwas bewusst, was ich vorher nie verstanden hatte.

Ich vermisse sie.

Ich vermisse genau diese kleinen, inhaltslosen Nachrichten, über die ich mich früher manchmal geärgert habe.
Weil ich heute noch deutlicher erkenne, dass es nie um den Inhalt ging.
Es ging darum, dass da jemand sagte:

„Ich bin (auch noch) da.“

Manchmal merken wir erst, wie viel Liebe oder zumindest ein „Gesehen werden wollen“ oder ein „Entkommen aus der Einsamkeit“ in den kleinsten Gesten steckte, wenn sie plötzlich verstummen.

Seit diesem Moment schaue ich auf viele Dinge anders.

Vielleicht nervt dich heute das Bellen des Nachbarshundes.
Vielleicht verdrehst du die Augen über die Angewohnheiten deines Partners, deiner Kollegin oder deiner Eltern.
Vielleicht bringt dich dein Haustier mit irgendeiner Eigenart regelmäßig an deine Grenzen.
Und vielleicht kommt eines Tages der Moment, an dem all das verstummt.
Dann stellst du fest, dass es gar nicht das Geräusch war, das dich begleitet hat.

Es war ein Mensch.
Es war ein Tier.
Es war Leben.

Manchmal merken wir erst, wie kostbar selbst die kleinen Unvollkommenheiten waren, wenn sie verschwunden sind. Vielleicht ist das Geräusch, das dich heute nervt, morgen die Stille, die dir das Herz zerreißt.

Darum sei geduldig mit den kleinen Eigenheiten des Lebens.
Sie sind oft der leise Beweis dafür, dass jemand da ist.

Solange wir sie hören, ist das Leben noch mit uns im Gespräch.

 

Bildquelle: Bianca von Berg

 

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