I see you

Autor: Christa Naaf
I see you

Welch ein Anspruch – welch eine Herausforderung – was für ein Versprechen!

Bei unserer diesjährigen Schwedenreise waren mein Mann und ich auch im VIDA-Museum auf Öland. Unter anderem gab es dort eine sehr interessante Ausstellung des schwedischen Glaskünstlers Bertil Vallien.
Zum Abschied wollte ich ein Andenken mitnehmen und meine Wahl fiel schnell auf das Plakat einer früheren Ausstellung „I see you“.
Dieses Bild mit diesem Titel sprach etwas in mir an, berührte ein Thema, welches mich seit Längerem beschäftigt.
Inzwischen hängt es über meinem Schreibtisch. „I see you“ – das ist für mich wie ein Versprechen, eine Verheißung, aber auch ein Anspruch an mich.
„I see you – Ich sehe dich“. Spontan fällt mir dazu eine Geste ein: Zeigefinder und Mittelfinger deuten vom eigenen Augenpaar auf das des Gegenübers. Will heißen: Ich hab dich im Blick! Denk ja nicht, du könntest etwas vor mir verbergen! Das kann drohend, aber auch scherzhaft gemeint sein, je nach Situation und Verhältnis der beiden Menschen zueinander.

 

Das Bild

Die weit geöffneten Augen sind durchdringend und klar, drücken Staunen, hohe Aufmerksamkeit und ernsthaftes Interesse aus. Sie erinnern mich daran, dass sehr kleine Kinder gut längeren Blickkontakt halten können, wach und neugierig, beinahe prüfend. Jugendliche oder Erwachsene können das oft nicht mehr. Sie wenden den Blick schneller ab oder vermeiden sogar direkten Blickkontakt – außer sie sind vielleicht frisch verliebt.

 

Augen als Spiegel der Seele

Besonders intensive Übungen während meiner Meditationslehrerausbildung und während eigener Reiki- und Meditationsseminare waren solche Partnerübungen, bei denen man sich ruhig, ohne zu sprechen oder zu lachen, über eine längere Weile in die Augen schauen sollte.
Ähnlich intensiv sind Übungen, bei denen wir uns im Spiegel selbst länger in die Augen schauen. „Oje, da kann ich ja bis auf den Grund meiner Seele schauen“, sagte eine Teilnehmerin mal bei so einer Übung und wirkte etwas erschrocken.
Wir wollen häufig gar nicht so viel von uns preisgeben oder von dem Gegenüber erfahren. Es ist zu nah, zu intim.
Vielleicht fällt es uns deshalb oft so schwer, Blickkontakt zu halten.

 

Der Titel

„I see you – ich sehe dich“, nicht nur deinen Körper, nicht nur die Rollen, die du spielst, die Masken, hinter denen du dich versteckst. Ich sehe dich – in deiner Schönheit und Einzigartigkeit. Ich sehe dich – mit deinen Stärken und Schwächen, deinen Ängsten, deinen Träumen und deinen Leidenschaften. Ich erkenne dich!

 

Das Versprechen

Eltern erkennen ihre Kinder, LehrerInnen ihre SchülerInnen, Liebende ihre PartnerInnen, Freunde und Freundinnen sich gegenseitig.
Das ist das Versprechen, die Verheißung hinter diesen Worten. Wie wunderbar wäre das!

 

Wechselbeziehung zwischen zwei Menschen

Die Wirklichkeit sieht oft ganz anders aus. Statt unser Gegenüber zu erkennen, machen wir uns Bilder, pflegen Vorurteile, stecken uns gegenseitig in Schubladen.
Im Laufe unserer Erziehung durch Elternhaus und Schule haben wir verlernt, uns offen und vertrauensvoll zu zeigen. Zu oft wurden wir verletzt, haben nicht unseren Wert in den Augen der anderen gesehen, sondern unsere Schwächen, unseren Makel. Offenheit macht verletzbar. Vertrauen kann missbraucht oder enttäuscht werden.

Wenn ich mich zeige, werde ich angreifbar und verletzbar.
Doch wie will ich gesehen werden, wenn ich mich nicht zeige?
„Ich sehe dich und du siehst mich“ – das ist eine Wechselbeziehung zwischen zwei Menschen.
Ich möchte gesehen werden und du möchtest gesehen werden, ohne Wertung, ohne Erwartungen, offen, klar, neugierig und staunend.
„I see you“! Ja, ich möchte dich sehen und erkennen in deiner Einzigartigkeit, und ich möchte von dir wirklich gesehen und in meiner Einzigartigkeit erkannt werden.
Ist das nicht eine utopische Vorstellung?
In unserer schnelllebigen, leistungsorientierten Gesellschaft, wo die digitale Welt und KI immer mehr unseren Alltag bestimmen?

 

Zeit nehmen, um hinzusehen

In einer Zeit der verschiedensten Krisen, in der Egoismus, Selbstbezogenheit und Abgrenzung wieder Hochkonjunktur haben, ist das Thema „I see you“ für mich besonders relevant. Ich möchte genauer hinschauen, mir Zeit nehmen, andere nicht auf bestimmte Attribute, Verhaltensweisen und Meinungen zu reduzieren. Jeder Mensch ist so viel mehr.

Mir ist wichtig, eine klare Position zu beziehen, für meine Werte einzustehen, Grenzen zu setzen, aber andere dabei nicht auszugrenzen, nicht zu verurteilen, nicht arrogant auf sie herabzusehen. Ich möchte mir Zeit nehmen für mein Gegenüber, verstehen, warum er/sie so fühlt, denkt und handelt.

Dasselbe wünsche ich mir von anderen für mich. Und ja, ich erwarte es auch von mir selbst für mich. Ich möchte mich auch selbst wirklich spüren, wahrnehmen und sehen, mit einem offenen, liebenden, staunenden Blick.

 

Veränderungen im Laufe des Lebens erfordern immer wieder neues Hinschauen

Das Thema hat für mich noch einen weiteren Aspekt. Ich bin 77 Jahre alt, 51 Jahre verheiratet und mit vielen Menschen seit Jahrzehnten verbunden. Wir alle haben uns im Laufe des Lebens verändert und tun dies auch immer noch. Natürlicherweise gehen wir dabei unterschiedliche Wege, und wir gehen nicht immer in die gleiche Richtung oder im gleichen Tempo.

Für mich betrachtet erlebe ich Umbruchphasen, die sich wie „Häutungen“ anfühlen. Ich erlebe und sehe mich plötzlich anders. Das kann dazu führen, dass ich alte WeggefährtInnen verabschieden muss, weil ich mich nicht mehr gesehen fühle, oder der/die andere nicht bereit ist oder nicht in der Lage ist, alte Bilder von mir loszulassen, die „neue Christa“ zu sehen und sich auf sie einzulassen. Das verstehe ich – und mir geht es mit anderen vielleicht genauso –, aber es macht mich manchmal traurig und einsam.

Trotzdem meinen Weg zur Veränderung zu gehen, kostet Mut und manchmal auch Kraft, die ich nicht immer habe.
Andererseits erlebe ich, dass sich auch wiederum neue Beziehungen entwickeln und neue WeggefährtInnen dazukommen. Das macht mich dann wieder glücklich und stärkt mich.

 

Bild und Titel

Mir ist klar, dass der Anspruch, die Herausforderung und das Versprechen der Aussage „I see you – ich sehe dich“ im Alltag oftmals nicht ansatzweise zu verwirklichen sind. Doch das Bild und die Aussage über meinem Schreibtisch sind sozusagen mein Kompass!

 

Bildquelle:Stocksnap auf Pixabay „girl“
(Das Plakat, von dem Christa schreibt, kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht als Bild für diesen Text dienen / Anm. Red.)

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