Frage nie wieder: “Darf ich …?”

Autor: Anne Poger
"Darf ich...?" - die Erlaubnis

Ist doch nur Höflichkeit, oder?

Es erscheint wie eine Höflichkeitsfloskel zu fragen; „Darf ich dir eine Frage stellen?“. Das ist es auf der einen Seite auch. Auf der anderen Seite jedoch enthält das Wort „dürfen“ die Bitte, eine Erlaubnis zu erteilen. Ich bin überzeugt davon, dass du niemanden mehr um Erlaubnis zu fragen brauchst, sobald du dem Kindes- und (womöglich auch) Jugendalter entwachsen bist  Um höflich zu sein, ist es nicht notwendig zu fragen, ob du etwas darfst. Es gibt eine Vielzahl von Formulierungen, mit denen du respektvoll und dabei auf Augenhöhe mit anderen kommunizieren kannst.

Auf Augenhöhe

In der Formulierung „darf ich …“ steckt das Kind in dir, das unsicher ist und sich selber etwas nicht erlaubt. Es gibt eine höhere Instanz, an die du dich mit diesem Satz wendest. Du nimmst dich selber in dem Moment nicht auf Augenhöhe wahr, sondern verhältst wie ein Kind, das zu den Eltern aufschaut. Die Rolle der Eltern, die wir für etwas um Erlaubnis bitten, nehmen im Erwachsenenalter oft der Partner, die Chefin oder Autoritäten ein. Ich hatte vor wenigen Tagen genau zu diesem Thema eine Diskussion mit meinem Mann. Ich fragte ihn: „Darf ich dir etwas erzählen?“. Seine Antwort erschien mir im ersten Moment wenig hilfreich und zu harsch. Er verstehe meine Frage nicht. Ich dürfe ihm immer alles erzählen. In der darauf folgenden Diskussion legte er mir seine Sicht dazu dar. Durch meine Frage um Erlaubnis stelle ich ihn für die Situation des Gespräches über mich. Er fühle sich nicht wohl, die Rolle der höheren Instanz einzunehmen.

Die Sicht der Anderen

In dieser für den Moment mir gegenüber erhöhten Position fühlte sich mein Mann nicht wohl. Er wollte die Rolle des „Erlaubenden“ nicht, in die ich ihn mit meiner Frage gedrängt hatte. Durch seine klare Rückmeldung, wie unwohl er sich bei dieser Frage fühle, ist mir bewusst geworden: Durch die Frage um Erlaubnis erniedrige ich mich selber und gleichzeitig erhöhe ich mein Gegenüber. Ganz egal, ob er oder sie das in diesem Moment möchte. Aus meiner Sicht war meine Frage „darf ich …“ ganz unschuldig und bekam viel zu viel Gewicht im nachfolgenden Gespräch. Aber ich kam zu der Erkenntnis, dass ich die Formulierung nicht nur mir und meiner Selbstwahrnehmung zuliebe verändere, sondern auch im Sinne der Wahrnehmung und dem Wohlbefinden meines Gegenübers.

Alternative Formulierungen

Es geht nicht darum, dass ich in jedem Moment die Aufmerksamkeit auf mich ziehen will, die ich mir gerade wünsche. Es geht um die Art der Formulierung:

Statt …

… „Darf ich dich etwas fragen“, können wir zum Beispiel sagen: „Ich hätte gerne deinen Rat. Passt es für dich gerade?“
… „Darf ich dich kurz stören?“, ist eine Alternative: „Hast du einen Moment Zeit für mich?“
… „Darf ich dir noch etwas Kaffee eingießen?“, passt genauso gut: „Möchtest du noch Kaffee?“

So kannst auch du mit anderen Formulierungen respektvoll und achtsam deinen Wunsch oder deine Frage formulieren und dabei stets auf Augenhöhe bleiben.

Konkrete Veränderung im Alltag

Das klingt alles schön und gut, aber wie verändere ich nun diese Art zu kommunizieren? Wie wir formulieren, ist auch eine Angewohnheit. Durch das Gespräch mit meinem Mann und das Schreiben dieses Textes umgehe ich die Automatisierung in meiner Sprache nicht. Der erste wertvolle Schritt ist jedoch getan. Es ist mir bewusst geworden und ich möchte es ändern. Im zweiten Schritt heißt es nun, dass mir auffällt, wenn ich die Formulierung „darf ich …“ benutze.

Hierzu habe ich eine ganz einfache Übung gemacht. Ich habe mir noch im Auto nach dem Gespräch fest vorgenommen, dass in mir eine Glocke klingelt, wenn ich die Phrase „darf ich …“ verwende. Das habe ich laut ausgesprochen. Danach habe ich die Augen geschlossen und mich innerlich zentriert. Dafür richte ich meine Aufmerksamkeit nach innen. Ich achte gezielt auf meinen Atem und verbinde mich mit meinem Körper. Einige Atemzüge reichen. Und nun heißt es, im Alltag beim Sprechen auf meine innere Glocke zu achten. Zu Beginn bemerke ich es erst, wenn ich die Formulierung schon ausgesprochen habe. Wenn es mir dann bewusst wird, sage ich „ich möchte das zuletzt gesagte neu formulieren“ und dann spreche ich meine Bitte anders, auf Augenhöhe, aus. Und mit jedem Mal, wenn die innere Glocke klingelt, übe ich und ändere so Schritt für Schritt meine Gewohnheit.

Drei Schritte

Die Sprache ist ein mächtiges Werkzeug im Alltag, mit dem du dein Unterbewusstsein beeinflussen kannst. Mit einem vermeintlich simplen Satz, der mit „darf ich …“ beginnt, verhinderst du ein Gespräch auf Augenhöhe. In deiner Sprache liegt eine wunderbare Möglichkeit, dies zu vermeiden. Mit diesen drei Schritten kannst du den Anfang machen:

  1. Sei dir bewusst, dass du Sätze wie „darf ich …“ verwendest und entscheide, ob oder besser noch dass du es ändern möchtest. Durch die aktive Entscheidung investierst du eine deiner stärksten Kräfte: deinen Willen.
  2. Achte auf die Formulierung „darf ich …“, indem du jedes Mal eine innere Glocke läutest, jedes Mal, wenn du einen Satz so beginnst. Dafür sprich laut oder innerlich aus, dass du die Formulierung „darf ich …“ nicht mehr verwenden möchtest. Dann halte kurz inne und verbinde dich mit dir selber, zum Beispiel durch Konzentration auf die Atmung.
  3. Formuliere neu, wann immer deine innere Glocke läutet. Habe Geduld, dass es zunächst passiert, nachdem du den Satz ausgesprochen hast. Wähle eine alternative Formulierung und trainiere so die neue Angewohnheit.

Am Anfang war das Wort

Worte und Sprache können viel beeinflussen. Deine eigene Wertschätzung, deine Selbstwahrnehmung und Selbstachtung werden durch deine Sprache beeinflusst. Nutze die Chance, auf Augenhöhe mit jedem zu reden. Respekt zu zeigen heißt nicht, dich zu erniedrigen und den anderen zu erhöhen. Respekt und Achtung liegen in der Wortwahl – auf Augenhöhe.

Wie siehst du dieses Thema? Welche Erfahrungen hast du mit der inneren Glocke gemacht?

 

Wenn du mehr zu diesem Thema lesen möchtest, hier ein Lesetipp von mir:  Im Fluss der Seele. Wie wir den Umgang mit Ärger, Trauer und Freude lernen

Bildnachweis für diesen Beitrag: Premierminister, Akshardam, Indien_2827724 © cinematicclick (pixabay CC-0)

 

Anne Poger

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