Enttäuschung – eine heilsame Erfahrung

Autor: Anne Poger
Neuanfang

Du alleine gegen die Welt

Kennst du dieses Gefühl: Die ganze Welt scheint gegen dich verschworen zu sein? Eine Freundin meldet sich nicht, obwohl es doch klar ist, dass du Hilfe brauchst. Deine Geschwister hätten sich doch melden können, ob du beim Umzug in den 7. Stock ohne Aufzug Hilfe brauchst. Du hast ihnen schließlich auch geholfen. Deine bisher nette Kollegin lässt dich mit dem Projekt hängen, weil sie auf einmal ganz beschäftigt mit anderen Themen ist. Was für Enttäuschungen! Alles scheint sich gegen dich zu wenden.

Die Verbindung

Die Situationen scheinen ganz verschieden zu sein. Immer wieder werde ich hängen gelassen. Mit verschiedenen Personen widerfährt mir eine ähnliche Enttäuschung. Hat sich die ganze Welt gegen mich gerichtet? Gibt es denn niemanden mehr, der mich unterstützt? Ist die Ignoranz der anderen der rote Faden dieser Situationen oder was verbindet all diese Enttäuschungen? Die Verbindung sind nicht die anderen, das bin ich: Bin ich klar darin, was ich gerade brauche? Spreche ich aus, was ich mir wünsche? Suche ich das Gespräch, um gemeinsam zu schauen, was es gerade zu bewältigen gilt und wie wir uns gegenseitig unterstützen können?

Bei mir lautet die Antwort viel zu oft: nein, ich bin nicht klar. Ich hoffe, dass die anderen sehen, dass ich Hilfe oder Zuwendung brauche. Wenn du das auch kennst, habe ich leider keine guten Nachrichten für dich und mich: Niemand kann Gedanken lesen. Die anderen sind nicht in meinem Kopf und ahnen nicht, was ich denke und fühle. Sie drehen sich um ihre Gedanken und Gefühle. Vielleicht denken sie darüber nach, warum ich sie nicht um Hilfe gebeten habe. Da ich immer so stark bin und alles schaffe, wollten sie sich nicht aufdrängen. Wenn du Hilfe bräuchtest, hättest du dich sicher gemeldet.

Und da liegt einer der Haken: Wenn ich meine Bedürfnisse nicht ausspreche, wenn ich meine Wunsche nicht artikuliere, haben die Menschen um mich herum, keine Chance. Sie müssten Gedankenleser sein, um mich nicht zu enttäuschen.

Die anderen

Enttäuschungen erlebe ich nicht nur, wenn es darum geht, was ich mir wünsche und gerade bräuchte. Ich erlebe auch Momente, in denen geht es nicht um mich, sondern um andere. Die netten Arbeitskollegen, mit denen ich mich in der Mittagspause so angeregt unterhalten habe, reden hinter meinem Rücken über mich. Ich habe mich so wohlgefühlt und mich über den Zusammenhalt gefreut, doch jetzt bin ich tief enttäuscht über ihr Verhalten. Was habe ich denen getan, dass sie hinter meinem Rücken reden? War die Freundlichkeit nur aufgesetzt, um mehr über mich zu erfahren? Ganz schön unverschämt, dann tun die nur immer so nett. Das hätte ich wirklich nicht erwartet – so etwas geht gar nicht.

Warum nicht?

Warum ärgere ich mich so sehr darüber? Hätte ich etwas anders machen können? Mehr Klarheit meinerseits hätte hier doch nicht geholfen? Das Verhalten der anderen hat mit mir doch nichts zu tun? Ja und nein. Was andere sagen oder nicht sagen, was sie tun oder denken, ist ihre Sache. Ob sie sich wochenlang ärgern, dass ich für das Projekt noch nicht die nötige Rückmeldung gegeben habe, anstatt mich darauf anzusprechen: ihr Groll ist nicht meiner. Und wenn ihnen der Mut fehlt oder das Wissen, wie man Probleme im Team konstruktiv besprechen kann, ist es auch nicht meine Baustelle. Aber es ist meine Enttäuschung und Traurigkeit, dass sie beim Mittagessen einfach hätten fragen können, was bei mir gerade los ist. Warum sprechen sie nicht mit mir?

So würde ich es machen und so entsteht meine Erwartung. Mein Blickwinkel auf die Welt und wie sie sein sollte, ist von meinen Werten und auch Glaubenssätzen geprägt. Oft unbewusst erwarte ich, dass andere sich so verhalten, wie es aus meinem Blickwinkel passend ist. Ich erwarte, dass sie sich gemäß meiner inneren “Gesetze” verhalten. Und wenn es jemand nicht tut, liegt der Fehler bei ihr oder ihm: So geht das doch nicht, so kann man sich doch nicht verhalten! Aber vielleicht bin auch ich aus dem Raster meiner Arbeitskollegen gefallen. Ich habe immer wieder vergessen, von mir aus Rückmeldung zu geben. Aus ihrer Sicht geht das bei einer gemeinsamen Projektarbeit so gar nicht. Was bleibt? Beide Seiten sind enttäuscht und ärgern sich. Vielleicht sind aus Missverständnissen auch richtige Konflikte erwachsen.

Erwartung führt zur Enttäuschung

Aus meinem Blick auf die Welt entsteht meine Erwartung. Die Kollegen könnten das Thema von sich aus bitte klären, statt schlecht über mich zu reden. Meine Freundin hätte doch sehen müssen, dass ich Hilfe brauche. Und weil es nicht geschehen ist, bin ich enttäuscht. Ich bin verärgert und fühle mich hängen gelassen wegen etwas, das nur in meinem Inneren stattgefunden hat. Meine unausgesprochenen Erwartungen und inneren Maßstäbe geben die Regeln vor. Und wehe jemand hält sie nicht – obwohl der sie gar nicht kennt. Klingt unlogisch, deswegen enttäuscht zu sein, oder?

Erwartungen können richtige Spaßbremsen sein. Meine Laune hängt viel zu oft davon ab, ob meine Mitmenschen sich nach meinen Erwartungen verhalten. Das kann nicht gut gehen. Und deswegen sind Enttäuschungen wichtig. Es sind wichtige Botschaften für mich: Sie zeigen mir, dass ich dem Holzweg der Erwartungen gefolgt bin. Ich habe mich selber darüber getäuscht, wie die Welt sein sollte. Und nun ist die Welt ganz anders. Ich bin ent-täuscht. Die Täuschung, dass die Welt immer nur so sein sollte, wie ich sie sehe, ist aufgeflogen. Meine Selbsttäuschung ist weg. Ich bin mir selber auf die Schliche gekommen: Ich habe erwartet, dass mein Partner, meine Freunde, meine Arbeitskollegen Gedanken lesen können und mich besser kennen, als ich mich selber.

Danke für die Enttäuschung

So absurd das klingt: für diesen Verlust der Selbsttäuschung kann ich dankbar sein. Es ist immer wieder schwer, sich selber auf die Schliche zu kommen und zu erkennen, wo ich mir selber gerade ein Bein stelle. Die sich ständig ändernden Gefühle und Gedanken vor dem Hintergrund meiner Glaubenssätze, meiner Erfahrungen und meiner Werte zu sehen. Und wenn ich mich selbst besser verstehe, wird es auch einfacher, nach außen klar zu sein. Ich kann meine Bedürfnisse und Wünsche besser artikulieren. Das heißt nicht, dass jeder Wunsch erfüllt wird. Aber es bleiben keine unterschwelligen Erwartungen.

Meine innere Klarheit hat noch eine Wirkung: Ich verliere meine Opferhaltung. Ich bin nicht das Opfer der ignoranten Freundin oder vermeintlich egoistischen Geschwister. Die Welt und meine Arbeitskollegen haben sich nicht gegen mich verschworen, um mich zu ärgern. Ich bin kein Opfer, höchstens das meiner eigenen Erwartungen.

Daher kann ich dankbar sein über jede Enttäuschung. Denn es ist eine Ent-Täuschung: Meine Selbsttäuschung ist offengelegt und ich spüre in meinem Inneren mehr Klarheit.

Kennst du auch solche Enttäuschungen?
Bist du dir bei einer Enttäuschung selber schon auf die Schliche deiner Erwartungen gekommen?

 

Bildnachweis für diesen Beitrag: Baum, Feld, Wolken © JürgenPM (pixabay CC-0)

Anne Poger

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