Davor, in der Mitte und danach – was wäre, wenn …

Autor: Tanja Nößler
Davor

Wenn ein Kind geboren wird, dann liegt so viel Glanz und Hoffnung in dieser Zeit. Schon vor der Geburt werden Einkäufe getätigt, Pläne gemacht und für das Ungeborene ein Name ausgesucht. Das Davor wird zelebriert und es löst viel Freude im Leben der werdenden Eltern und deren Umfeld aus.

Im Gegensatz dazu, offenbaren mir die Begegnungen und Gespräche mit den Menschen im Hospiz, wie oberflächlich das Leben und Sterben in unserer Gesellschaft oftmals betrachtet wird. Ganz ehrlich, wer denkt schon gerne an das Ende. Das wäre ja auch zu bedrückend, so mitten im Leben stehend. Also schöpfen wir doch lieber aus den Vollen, hetzen durch unseren Alltag und rennen an den Menschen vorbei, die so kurz vor dem Danach stehen.

Der Musiker Roger Cicero hat einmal gesagt: „Nur wer sich seiner eigenen Endlichkeit bewusst geworden ist, kann sich so richtig auf das Leben einlassen!“. Dass Roger ein Jahr nach dieser Aussage im Alter von 46 Jahren an einem Hirnschlag unerwartet verstarb, machte die Aussage für mich umso bedeutungsvoller. Da habe ich die Flüchtigkeit des Lebens erkannt und gelernt, mich auf mein Leben und das Leben der anderen gewissenhafter einzulassen.

Es war Klaus, 59 Jahre, an Lungenkrebs erkrankt, der mit mir im Hospizgarten eine Zigarette rauchte. Und er erzählte mir, dass man über das Sterben mit den engsten Angehörigen nicht gerne redet. Es würde sie zu traurig machen und das wäre eine zusätzliche Belastung für sie und auch für einen selbst. Also redet man über das Tagesgeschehen und lacht über oberflächliche Witze, auch wenn einem dazu nicht immer zumute ist. Er selbst hätte ein großes Bedürfnis zu erzählen, wie es ihm wirklich geht, mit welchen Ängsten und Zweifeln er zu kämpfen hat. Ich versuchte ihm zuzuhören und er brachte mich dazu, keine Zigarette mehr anzurühren.

Und es war Brigitte, 57 Jahre, ebenfalls unheilbar an Krebs erkrankt, die sich nicht vorstellen konnte, was passieren wird, wenn sie stirbt. Die Angst vor dem Danach war übermächtig und quälte sie schrecklich. Niemandem kann man seinen Glauben aufzwingen, man kann immer nur von sich erzählen und dem anderen die Freiheit lassen, die Wahrheit zu finden.

Was wäre, wenn …

Was wäre, wenn ich daran glauben könnte, dass es einen Himmel gibt und Heerscharen von Engeln ihren Blick auf mich lenken, ein Leben lang!

Was wäre, wenn ich ein ganzes Leben daran glauben könnte, dass ich von einer liebenden Macht begleitet und beschützt werde, an jedem Tag meiner Lebenszeit.

Was wäre, wenn ich ein ganzes Leben lang daran glauben könnte, dass es einen liebenden Vater gibt, der mich in die Arme schließen möchte, jeden Tag und am Ende meiner Zeit.

Und dann, wenn ich dies glauben könnte, auch spüren würde – begleitet, geliebt und geborgen zu sein, egal was für schlimme Ereignisse in meinem Leben passieren. Auch wenn ich von Verlust und Trauer, Gebrechen und Schicksal geplagt zu sein scheine, mich dennoch getragen fühle in meinem Leben, irgendwie.

Und was wäre dann, wenn ich nach diesem Ende hier auf der Erde erkennen würde, dass alles nur eine Illusion war, dass es gar nicht gestimmt hat. Immerhin hätte ich dann ein Leben gelebt, in dem ich mich getragen, geborgen und beschützt gefühlt habe. Was wäre so schlimm daran, wenn es am Ende nicht stimmte – ich hätte nichts verloren, wäre nur aufgewacht, wie aus einem guten Traum.

Aber was wäre, wenn ich ein ganzes Leben in der Trennung lebte, aus Unglauben, denn sowas wie einen Himmel, Engel und einen guten Vater kann es nicht geben. Alles nur Illusion, eine Lüge, reine Religion der Menschen, der Kirche, daran kann man doch nicht glauben. Nein, am Ende ist da nur ein großes schwarzes Loch und niemand kommt je zurück, es gibt auch kein Wiedersehen, jeder geht im „off“ verloren.

Was wäre, wenn ich ein ganzes Leben in diesem beklemmenden Gefühl lebte und dann am Ende erkennen müsste, dass es nur eine Illusion und nicht die Wahrheit war. Was wäre, wenn doch alles wahr ist und ich es erst dann erkenne, wenn alles gelebte Leben in der Finsternis und Trennung hinter mir liegt, dann wenn alles gelaufen ist. Wenn ich erst dann erkennen würde, dass es einen Himmel und Heerscharen von Engeln gab, die immer ihren Blick auf mein Leben richteten. Dass es eine liebende Macht gab, die mich beschützt hat und ich nicht offen dafür war und einen gütigen Vater, der mich in die Arme nehmen wollte und ich es verweigerte – aus Wut, Angst und Ohnmacht.

Hätte ich dann nicht mehr verloren, als wenn ich daran hätte glauben können? Ganz sicher!

 

Bildnachweis für diesen Beitrag: copyright Tanja Nössler_2022

Tanja Nößler

Tanja Nößler


Mein Name ist Tatjana Tanja Nößler und ich wohne und arbeite im Ruhrgebiet. Als ehemalige Standesbeamtin, freie Predigerin und Puppenspielerin habe ich mich immer schon sehr intensiv mit zwischenmenschlichen Themen und dem Gefühlsleben beschäftigt. Seit einigen Jahren setze ich mich als Trauerbegleiterin und nebenberufliche Trauerrednerin auch mit der Endlichkeit des Lebens auseinander. Als Meditations- und Reiki-Lehrerin nach dem Dalmanuta Prinzip und Speakerin habe ich in meiner Freizeit den Podcast PleromaLife - LebensfreudeFülleLeichtigkeit gegründet, in dem ich über verschiedene Lebensthemen philosophiere.