Der Moment, in dem aus Erkenntnis Gefühl wurde

Autor: Freia Öztürk

Es gibt Momente im Leben, die nicht laut sind. Sie kündigen sich nicht mit großen Veränderungen an. Sie kommen leise. Fast unbemerkt. Und doch verändern sie alles.

Viele Menschen verbringen einen großen Teil ihres Lebens damit, zu funktionieren. Sie übernehmen Verantwortung, kümmern sich um andere, leisten viel und versuchen, allem gerecht zu werden. Von außen wirkt dieses Leben oft erfolgreich. Es gibt Anerkennung, Lob und das Gefühl, gebraucht zu werden.

Doch irgendwann taucht eine Frage auf, die sich nicht mehr verdrängen lässt:

Ist das wirklich das Leben, das sich für mich richtig anfühlt?

Ich habe viele Jahre an mir gearbeitet. Ich habe verstanden, warum ich vieles so gelebt habe, wie ich es gelebt habe. Mir wurde bewusst, welche Prägungen mich als Kind, als Jugendliche, als Mutter und später als Ehefrau begleitet haben. Ich wusste längst, was ich nicht mehr wollte. Ich wusste, welche Menschen mir guttun und welche Wege ich nicht mehr gehen möchte.

Auf der bewussten Ebene hatte sich bereits vieles verändert.

Doch zwischen Verstehen und Fühlen liegt manchmal ein weiter Weg.

Erst rund um meinen 54. Geburtstag geschah etwas, das ich kaum beschreiben konnte. Zum ersten Mal bestätigte mein Herz das, was mein Verstand schon lange wusste.

Plötzlich war da nicht nur eine Erkenntnis.

Da war ein Gefühl.

Ein Gefühl, das mir zeigte, was wirklich zu mir gehört – und was nicht mehr.

Ich spürte, dass ich den Druck, den ich über so viele Jahre gelebt hatte, nicht mehr tragen möchte. Nicht nur den Druck, der von außen kommt, sondern auch den, der sich tief im Inneren eingenistet hat. Der Druck, stark sein zu müssen. Immer funktionieren zu müssen. Immer erreichbar zu sein. Immer gebraucht zu werden.

Früher fühlte sich Anerkennung gut an. Wenn Menschen sagten: „Was würden wir nur ohne dich machen?“ oder „Auf dich ist immer Verlass“, machte mich das stolz. Ich habe vieles begonnen, vieles aufgebaut, unzählige Aufgaben übernommen und immer wieder alles gegeben.

Heute sehe ich das anders.

Ich frage mich, wie viel davon wirklich aus meinem Herzen kam – und wie viel aus dem unbewussten Wunsch heraus, wertvoll zu sein, gebraucht zu werden oder Bestätigung zu bekommen.

Ich verurteile diese Zeit nicht.

Sie hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Doch ich spüre, dass diese Zeit vorbei ist.

Heute möchte ich nicht mehr funktionieren.

Ich möchte sein.

Ich möchte keinen Druck mehr spüren. Ich möchte nicht mehr ständig erreichbar sein oder das Gefühl haben, springen zu müssen, sobald jemand etwas von mir erwartet.

Das bedeutet nicht, dass mir andere Menschen egal geworden sind.

Es bedeutet, dass ich mich selbst endlich genauso wichtig nehme wie alle anderen.

Vielleicht wirkt das auf manche egoistisch.

Für mich fühlt es sich zum ersten Mal ehrlich an.

Ich möchte wieder lernen, meinen Gefühlen zuzuhören. Ihnen Zeit geben. Nicht sofort eine Lösung finden müssen, sondern einfach wahrzunehmen, was gerade in mir ist.

Denn ich glaube, genau das haben viele von uns nie wirklich gelernt.

Wir wissen oft sehr genau, was richtig oder falsch ist, und treffen vernünftige Entscheidungen. Wir verändern unser Leben auf der bewussten Ebene.

Aber wir nehmen uns selten die Zeit, wirklich zu fühlen.

Vielleicht beginnt Veränderung genau dort.

Nicht im Denken.

Sondern in dem Moment, in dem das Herz das bestätigt, was der Verstand längst erkannt hat.

Seit diesem Tag frage ich mich nicht mehr zuerst, was andere brauchen.

Ich frage mich:

Was brauche ich gerade?

Diese eine Frage verändert alles.

Sie schenkt Freiheit.

Sie schenkt Ruhe.

Und sie erlaubt mir, mein Leben nicht länger nach Leistung, Erwartungen oder Anerkennung auszurichten, sondern nach dem, was sich tief in meinem Inneren friedlich anfühlt.

Vielleicht ist das gar kein Neuanfang.

Vielleicht ist es das erste Mal, dass ich wirklich bei mir selbst angekommen bin.

Und vielleicht kennst auch du dieses Gefühl.

Vielleicht spürst du schon lange, dass etwas in deinem Leben nicht mehr zu dir passt.

Dann nimm dir einen Moment Zeit und frage dich:

Lebst du das Leben, das andere von dir erwarten – oder das Leben, nach dem sich dein Herz wirklich sehnt?

 

Fotoquelle:pixabay, ri1yad-house-sparrow-9279721.jpg

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