Stahl­seile vs. Schlotter­schnürchen

Autor: Simone Osteroth
Stahl­seile vs. Schlotter­schnürchen

Nerven wie Stahlseile

Gerade sah ich dieses Foto: ein Kran vor einem Krankenhausfenster. Groß, massiv, standfest und mit riesigen Stahlseilen, die schwerste Lasten tragen können!

Und ich erinnere mich, an meinen Ausblick damals vor fast 10 Jahren. Da stand auch so ein Baukran vor meinem Krankenzimmer. Ich sah diese mächtigen Stahlseile und sagte: „Ich möchte auch mal wieder Nerven haben, so stark wie diese Stahlseile. Ich habe doch nur noch Schlotterschnürchen.“

Gerade war ich aus dem Kreißsaal gekommen, in dem ich unsere Zwillinge still entbunden hatte. Nerven wie Schlotterschnürchen. Und dennoch war ein kleiner Funken zu spüren: „Irgendwann will ich wieder Nerven wie Stahlseile haben.“

Kennst Du dieses Gefühl, wenn das Leben Dir Schlotterschnürchen bringt?

Mal sind es größere, mal aber auch kleinere Katastrophen, die Auslöser dafür sein können.

Ein Berg aus Gefühlen

Ich stand damals vor diesem Berg der Gefühle, die alle gefühlt werden wollten. Frau Trauer klopfte mit einer unverschämt hartnäckigen Art an die Tür meines Herzens. Dahinter drängte sich Herr Neid ständig vor mit den Worten vor: „Jetzt ist auch meine Zeit endlich gekommen. Hier bin ich und bei jedem Kinderwagen, der dir begegnet, werde ich dir immer lauter zurufen: ’An mir kommst du nicht vorbei!’.“ Die ganze Armee der Tränen machte sich bereit und rief dazu auf, die Niagara-Fälle vor Neid erblassen zu lassen.

Öffne Dein Herz

Und mir blieb nichts anderes übrig als diesen Gästen die Tür zu meinem Herzen zu öffnen. Machtlos übernahmen sie die Kontrolle.

Und irgendwann, da klopfte auch die kleine Nachbarstochter mit dem Namen „Lächeln“ zaghaft an. Erst traute sie sich nicht. War ihr Besuch angebracht? Aber schwups ging die Tür auf und sie trat ein. Und mit der Zeit kam sie immer öfter und wurde selbstbewusster und erlaubte sich, da sein zu dürfen.

So wie alle anderen Gäste ihre Berechtigung hatten, da sein zu dürfen und gefühlt zu werden.

Und heute? Heute sind die Nerven so wie Drahtseile. Und wenn ich heute mit Trauernden arbeite, dann lasse ich die Gefühle, die ans Herz klopfen, alle sichtbar werden. Lasse sie auf Karten schreiben und sie auslegen auf dem Boden der Tatsachen. Auf dem oftmals viel zu wenig Glitzer liegt. Und dann lasse ich sie ansehen. Manche Gefühle werden auf grüne Karten geschrieben. Da findet man oft „Freude“ „Lachen“ und auf den roten Karten steht oftmals „Trauer“ oder „Neid“!

Alle Gefühle haben eine Berechtigung

Dabei sollten alle Gefühle auf allen Farben geschrieben werden. Ohne Wertung. Alle gleichberechtigt ihre Existenz bekommen. Alle Gefühle wollen gefühlt werden. Die Trauer und die Freude sind Zwillingsschwestern. Die eine gibt es ohne die andere nicht. Wenn ich in unserem schönen Weinort auf der Weinbergschaukel sitze und nur in eine Richtung schaukeln will – dann wird das ein sehr vom Spaß befreites Erlebnis. Erst, wenn ich mir beide Richtungen erlaube, dann spüre ich die Lebensfreude durch die Haare wehen.

Wie sähe Dein Boden der Tatsachen aus? Malst Du Deine Gefühle auf allen Farben?

Wenn ich alle Gefühle akzeptieren und auch leben kann, dann komme ich auch Kontakt mit all dem, was mich ausmacht. Ich kann beobachten, wie die Gefühle sich wandeln. Wie sie kommen und gehen.

Und dann schaue ich darauf: Erlaubst Du Dir, dass es Dir auch gut gehen darf? Wenn das Lächeln wieder anklopft. Erlaubst Du Dir aufzumachen?

Bilder aus Deinem Herzen

Und nun lade ich Dich zu einer Übung ein:

Suche Dir einige alte Zeitschriften zusammen. Nimm ein großes Blatt Papier und schreibe als Überschrift: „Das nächste große Ding bin ich!“ Lege die Zeitschriften aus und greife instinktiv zu. Denk nicht nach. Blättere sie schnell durch und das was Dein Herz positiv anspricht: ein Text oder ein Bild. Reiße es heraus (Ja, Du darfst Zeitschriften zerreißen). Klebe Deine Schnipsel anschließend auf das große Blatt Papier. Schau Dir Deine Collage an und dann setze um, was Dein Herz dort hat entstehen lassen. Komm wieder in die Lebendigkeit und dann werden aus Schlotterschnürchen – mit der Zeit – auch wieder Stahlseile!

Ich bin sehr neugierig auf Deine Collage!

Simone Osteroth

Simone Osteroth

simone-osteroth.de