Raum der Würde

Sich begegnen

Das Leben ist ein Fluss. Alles fließt. Auch Begegnungen fließen. Und das Leben ist ein Fluss aus vielen einzelnen Begegnungen.

Morgens begegne ich im besten Fall zuerst mir selbst, vielleicht durch einen Blick in den Spiegel. Vielleicht schaue ich mir in die Augen, frage mich: wer sieht mich an? Wie begegne ich mir? (Noch) müde? Gerädert? In ängstlicher Erwartung? Mit (berechtigten) Sorgen? Unzufrieden? Streng? Gar ungnädig? Oder mit (Vor)-Freude? Mit einem liebevollen Lächeln? Mit einem Blick in den Himmel? Mit Dankbarkeit, für alles, was ich gerade in diesem Moment habe? Mit tiefen Atemzügen? Fühlend, wie die Luft – genau genommen der Himmel – in jede Faser, in jeden Winkel meines Körpers einströmen darf?

Nach diesem so wichtigen Anfang des Tages geht es weiter. Die Begegnungen werden mehr. Vielleicht begegne ich zunächst den Menschen, mit denen ich mein Leben teile. Wissen sie in diesem Moment der Begegnung, wie dankbar ich für ihr Da-Sein bin? Sollte ich es diese Menschen nicht so oft wie möglich, auf welche Art auch immer, wissen lassen?

Und wenn der Tag so richtig begonnen hat, begegne ich in immer weiteren Kreisen meiner Lebenswelt. Weiteren Menschen. Auch in dieser durch die Begegnung mit dem Corona-Virus so gravierend geprägten Zeit bleibt das Leben ein Fluss.

Vor längerer Zeit begegnete mir dieser eine Satz. Für mich ein Dreh- und Angelpunkt, ein außerhalb dieser fortwährend fließenden Bewegung stehender, beständiger Ruf:

Zeige mir wer du bist, damit ich dich sehen kann

Eine große Seele soll ihn vor sehr langer Zeit in diese Welt, in der alles fließt, gebracht haben. Damit verbunden meine Erkenntnis: wie kann ich wahrhaft der Welt, dem Anderen, den Menschen und allem um mich herum begegnen, wenn ich nicht zeige, wer ich bin?

Mir fiel es oft schwer, zu zeigen, wer ich bin. Gleichzeitig war es meine größte Sehnsucht, als die erkannt zu werden, die ich bin. Um dahin zu kommen, suchte ich das Gefühl des Vertrauens. Und in jedem Moment suchte ich außerdem nach dem Wissen darüber, wer ich bin. Das heißt, ich suchte den Kontakt zu mir selbst.

Eine meiner Ängste, die mein Vertrauen minderten, war meine Angst, bewertet und einsortiert, verglichen zu werden. Abhängig davon, in welcher Verfassung ich mich wähnte, erfuhr ich, dass diese Angst sehr begründet ist oder im Gegenteil völlig unbegründet. Ich war abhängig von meinen eigenen Erwartungen, meinem Warten auf Impulse, auf Impulse außen, von denen ich doch eigentlich nur eines erwartete: sie sollten mir zeigen, dass ich würdig bin, geliebt zu werden.

Dalmanuta

“Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum ist unsere Macht, unsere Antwort zu wählen. In unserer Antwort liegt unser Wachstum und unsere Freiheit.” Viktor E. Frankl

Für mich ist in diesem Zitat von einem Raum des Innehaltens, des Spürens, des Gewahr-Werdens die Rede. Von einem unendlichen Raum der Fülle und der Freiheit. Der mir vermittelt: es ist alles da. Von einem Raum, der mir geschenkt wird, um mir selbst zu begegnen, durch die Begegnung mit Dir. Von einem Raum, der mir vermittelt: wir sind so viel größer, so viel mehr, als wir oft glauben. Von einem Raum, der mir vermittelt: ich bin es wert und würdig, geliebt zu werden. Und zu lieben. Von einem Raum, der mir vermittelt: ich bin. Und: ich bin ich. Und: das ist gut so. Und: ich bin geworden, wie ich bin. Und: auch das ist gut so. Und: Das gleiche gilt für Dich!

Meditations-LehrerInnen nach dem Dalmanuta-Prinzip schaffen durch ihre Arbeit Räume. Räume, in denen wahre Begegnungen möglich werden. Mit Dir selbst. Mit anderen. Auf Augenhöhe. Sie haben „Ja“ gesagt, zu dem, was sie (geworden) sind. Und sie geben Antwort, indem sie das verwandeln, was sie sind, zu einem Werkzeug, mit welchem sie Dir diesen Raum öffnen und halten. In diesem Sinne Antwort zu geben, heißt für mich als Meditationslehrerin: „Ich zeige dir, wer ich bin, damit du mich sehen kannst!“

Ich durfte von meinen Lehrern eine Übung lernen, die sich „Raum der Würde“ nennt und die ich, nun selbst zur Lehrerin geworden, gerne verwende: es werden innerlich fünf Stationen durchlaufen: die Akzeptanz, die Dankbarkeit, die innere Leere, die Liebe zu(m) anderen, die Liebe zu mir selbst. Dalmanuta ist Symbol für einen Ort, den Raum aus der Übung, der vorab völlig leer und losgelöst von allem ist, bevor er sich mit Liebe füllt. Er kann unendlich groß und weit sein oder aber auch nur eine Zehntel-Sekunde andauern, so kurz wie die Zeit zwischen Reiz und Reaktion. Durch ihn wird das Mensch-Sein erst möglich.

Über die Begegnungen, die ich im Zusammenhang mit dieser unserer Online-Plattform schon erleben durfte, bin ich sehr glücklich. Und ich freue mich über hoffentlich viele weitere Begegnungen hier an Ort und Stelle, für die auch ich den Raum erschaffen und halten möchte.

 

Insa Hinrichs