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Autor: Ines Reich
Unterbrechung des Alltags

Unterbrechung des Alltags

Nun ist die Fastenzeit bald schon wieder um. So schlimm wäre es doch gar nicht gewesen. Mal eine Zeit, nur 40 Tage, zu verzichten …
Ich habe es wieder nicht geschafft! Früher war es einfach für mich: Ich wollte 1–2 Kilo abnehmen, dann hab ich eben auf eine Mahlzeit am Tag verzichtet. Ich wollte mit einem neuen Sportprogramm beginnen, dann habe ich eben mit Sport begonnen und gleich fühlte ich mich besser. Der Schweinehund war mir zwar auch damals schon bekannt, aber er hatte nicht die Macht über mich.
Jetzt habe ich das Gefühl, wenn ich mir neue Aufgaben und Ziele setze, dass sie mein Leben so sehr beeinflussen und dann nichts anderes mehr geht, dass ich dazu keine Kraft mehr habe und auch keine Zeit. Ich brauche doch so viel Zeit für die anderen „wichtigen“ Dinge in meinem Leben!
Aber dann sind da eben die kleinen körperlichen Beschwerden, die gesehen und behoben werden wollen. Von mir, in Verantwortung zu mir und meinem Körper und nicht erst, wenn es zu spät ist, mit Arzt und Medikamenten.

Bitte um Kraft

Ich bitte nicht um ein leichtes Leben,
sondern ich bitte darum,
ein starker Mensch zu werden.
Ich bitte nicht um Aufgaben,
die meinen Kräften entsprechen,
sondern ich bitte um Kräfte,
die meinen Aufgaben entsprechen.
(Philips Brooks, 1835–1899)

Das ist es! Es geht nicht darum, weniger Aufgaben zu haben oder dass einem alles nur leicht fällt. Es geht darum, dass man lernt, mit seinen Aufgaben umzugehen, mit ihnen zu wachsen und an Stärke zu gewinnen. Klar, nicht immer zu allem „Ja“ sagen und auch nicht für andere ständig deren Aufgaben erledigen. Aber für das, wofür man selbst brennt, was wichtig für einen ist, einzustehen und durchzuziehen. Und wenn man vor dem ein oder anderen Hindernis steht, nicht gleich wegtauchen, sondern die Ärmel hochkrempeln und „die Sache angehen“. Für Körper, Geist und Seele!

Chance für Neues

Fasten ist also nicht immer nur Verzicht oder sich kasteien – es ist auch eine Chance für Neues. Es ist eine heilsame Unterbrechung zu dem, was gerade ist und neu betrachtet werden kann. Es ist eine Art Trainingslager: Eine bestimmte Zeit den Körper, den Geist oder die Seele (oder alles zusammen) mit etwas Neuem zu beschäftigen. 40 Tage Verzicht üben, an etwas, das zu einer (schlechten) Gewohnheit geworden ist. Und gucken, wie geht es mir mit der Erfahrung nach den sechs Wochen. Möchte ich nun ganz verzichten oder in Zukunft etwas weniger davon? Es geht nicht immer nur um die Ernährung, auch könnte man etwas weniger aufs Handy schauen, den vollgestopften Terminkalender überprüfen und muss ich wirklich für jede Strecke das Auto benutzen?
Da gibt es so einiges, auf das man mal einige Zeit verzichten könnte, um ein Gefühl für die Notwendigkeit in der Zukunft zu bekommen.

Fasten bringt uns in Berührung mit uns selbst

Eine Unterbrechung muss zeitlich begrenzt sein. Es braucht das Gewohnte, das Genießen und das Feiern, dann Halt machen in der Hetze des Alltags: Ist das, was wir Tag für Tag leben, schon alles oder ist da in uns noch eine Sehnsucht, die über das Sichtbare hinausgeht? Eine Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, die wir mit schlechten Gewohnheiten versuchen zu stillen? Fastenzeit bringt uns in Berührung mit uns selbst, unseren inneren Kern. Die Unterbrechung des Alltags, um unsere Lebensmuster und Gewohnheiten zu überprüfen, muss nicht zu einer bestimmten Zeit stattfinden. Du kannst jederzeit eine Übungszeit einbauen, um von neuem bewusster und achtsamer, mit Freude, leben zu können.

In welchem Bereich, in deinem Leben, möchtest du eine Unterbrechung?
Auf was möchtest du mal eine Zeit lang verzichten, das die Chance einer Veränderung in der Zukunft bewirken könnte?

Bildnachweis: Ines Reich, 2024

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